Wie gehen Schreinerbetriebe mit der Digitalisierung um? Über diese Frage spricht Patrick Oeschger mit Dominique Studerus, Leiter Geschäftsentwicklung bei der Firma Obrist Interior AG in Inwil. Dominique Studerus beschäftigt sich seit Jahren mit der Digitalisierung – im Unternehmen genauso wie in Kursen an der Fachhochschule Biel.

PATRICK OESCHGER: Dominique, Du bist gelernter Schreiner und mittlerweile Leiter Unternehmensentwicklung bei Obrist. Nebenbei organisierst du an der Fachhochschule Biel Kurse zu Themen wie Digitalisierung in der Schreinerbranche. Was war deine Motivation, diesen Kurs zu geben?
DOMINIQUE STUDERUS: Bei Obrist Interior setzen wir uns schon seit langem mit digitalen Themen auseinander. Digitalisierung ist für mich nicht nur persönlich etwas Faszinierendes. Ich sehe auch die vielen Vorteile, die sie beruflich mit sich bringt und die Möglichkeiten, die sich für die Schreinerbranche auftun. Ich will mithelfen, unsere Branche weiter zu entwickeln.
PATRICK OESCHGER: Dann sind deine Kurse also ständig ausgebucht!
DOMINIQUE STUDERUS: Möchte man meinen. Ist aber leider nicht so. Wir füllen die Klassen jeweils, doch einen eigentlichen Digitalisierungsboom erleben wir nicht.
PATRICK OESCHGER: Spannend… also ich erlebe Schreinerbetriebe als grundsätzlich offen und interessiert an digitalen Themen. So generieren wir bereits heute 70 Prozent des Umsatzes über digitale Wege, nicht etwa per Telefon oder Fax.
DOMINIQUE STUDERUS: Ist das schon länger so oder pandemiebedingt?
PATRICK OESCHGER: Das war schon vor Corona so. Die Themen der digitalen Bestellung und Integration der Digitalisierung in die Geschäftsprozesse war für unsere Kunden schon immer wichtig. Zudem bieten wir seit einiger Zeit elektronische Rechnungen an: PDF statt Papier. Die Resonanz war sehr positiv. Die Umstellung auf PDF erspart uns und den Kunden viel Aufwand und Papierkrieg.

«Ich sehe in unserer Branche grosses Potenzial bei der Digitalisierung»

Dominique Studerus

Leiter Unternehmensentwicklung, Obrist Interior AG

DOMINIQUE STUDERUS: Das ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Doch die Schreiner könnten sehr einfach noch viel weiter gehen. Zum Beispiel, indem sie die internen Abläufe entschlacken, digitaler kommunizieren und die Kunden miteinbinden, digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln. Im Bereich der Kommunikation und der Kundenbindung liegt ganz allgemein im Handwerk grosses Potenzial.
PATRICK OESCHGER: Was durch Corona ja auch durchaus geschah.
DOMINIQUE STUDERUS: Ich bin gespannt, was nach der Pandemie davon übrig bleibt.
PATRICK OESCHGER: Durch Corona wurden wir alle gezwungen, uns mit digitalen Technologien zu beschäftigen, das hat zu einem enormen digitalen Boost geführt. Ich bin überzeugt, dass die Entwicklung weitergeht. Denn es führt kein Weg an der Digitalisierung vorbei. Bei uns im Unternehmen haben viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Wunsch geäussert, auch nach der Pandemie einen Tag oder zwei Tage pro Woche im Homeoffice arbeiten zu können. Diese Entwicklung begrüsse ich sehr.
DOMINIQUE STUDERUS: Klar, Homeoffice ist jetzt in aller Munde, doch in der Schreinerbranche war das bis vor Kurzem fast undenkbar.
PATRICK OESCHGER: Viele KMU haben Vorbehalte, was Homeoffice anbelangt. Gerade Mitarbeitende, die in der Produktion oder Logistik eines Unternehmens tätig sind, dachten am Anfang vielleicht, dass ihre Kollegen zu Hause nicht ganz so produktiv wie im Büro seien. Doch das hat sich mit der Zeit relativiert. Dieser Kulturwandel hin zu Homeoffice wird die Arbeitswelt sicher bleibend verändern und die Digitalisierung nochmals beschleunigen.
DOMINIQUE STUDERUS: Das ist für einen Handwerksbetrieb eine Herausforderung. Unsere Branche ist geprägt von Kleinbetrieben. Ein Schreinermeister, der sich um das Tagesgeschäft, das Personal, die Administration und die Lernenden kümmert, hat vielleicht nicht wirklich genügend Ressourcen um sich noch mit neuen Technologien und Prozessen zu befassen.
PATRICK OESCHGER: Was aber schade ist, denn es würde helfen, ihn zu entlasten.

Sechs einfache Einstiege in die Digitalisierung:

1) Ein Team bilden und beginnen

Interessierte Mitarbeitende, ein paar Gipfeli und ein Sitzungstisch. So lassen sich einfach Ideen entwickeln um Papierkram zu beseitigen und Prozesse zu entschlacken.

2) Mit dem Softwareanbieter sprechen

Die wenigsten Betriebe nutzen alle Möglichkeiten, die ihre Schreinersoftware bereits bietet. Sprechen Sie mit Ihrem Kundenberater über die offenen Potenziale, holen Sie sich Tipps und führen Sie eine Funktion nach der anderen ein.

3) Mit den Maschinenherstellern sprechen

Viele Maschinen bieten Schnittstellen – wie viele davon nutzen Sie bereits? Diskutieren Sie mit den Aussendienstmitarbeitenden der Hersteller oder Händler, welche Schritte für Ihren Betrieb sinnvoll sein könnten.

4) Mit den Lieferanten sprechen

Lieferanten wie OPO Oeschger sind Spezialisten im Bereich Prozess und Logistik und bieten wertvolle Unterstützung an – meist kostenlos. Ihre Ansprechpersonen kennen Dutzende Betriebe wie den Ihren und teilen ihre Erfahrungen gerne mit Ihnen.

5) Die Kunden fragen

Was bringt meinen Kunden einen Mehrwert? Wie kann ich die digitalen Möglichkeiten zur Kommunikation und zur Kundenbindung nutzen?

6) Einen Kurs belegen

Die Fachhochschule Biel bietet Kurse zum Thema Digitalisierung an. Ein solcher Kurs kann ein guter Einstieg in das Thema sein oder einen bereits begonnenen Prozess noch weiter Fahrt aufnehmen lassen. Zudem ist das Netzwerk an Spezialisten und Berufskollegen nicht zu unterschätzen, das man in einem solchen Kurs aufbaut und das durch den Erfahrungsaustausch praktischen Nutzen bringt.

DOMINIQUE STUDERUS: Es gibt auch Anforderungen von aussen, zum Beispiel BIM. Mit Building Information Modeling kann man nicht nur sehr viel Zeit und Kosten sparen. Viele Architekten und Bauherren setzen es mittlerweile voraus, gerade die öffentliche Hand. Da geht es auch um das Thema Zukunftsfähigkeit.
PATRICK OESCHGER: BIM ist ein Riesenthema, mit dem ich mich zukünftig noch mehr auseinandersetzen werde. Man kann aber auch mit kleineren Projekten einsteigen und einfach mal mit einfachen Themen anfangen.
DOMINIQUE STUDERUS: Das ist sicher ein guter Ansatz. Es gibt so viele Möglichkeiten, die man ohne umfassende Digitalisierungsstrategie anpacken kann und wovon man sofort profitiert. Auch wenn das dem Schreiner vielleicht widerstreben mag.
PATRICK OESCHGER: Wie meinst du das?
DOMINIQUE STUDERUS: Wir Schreiner funktionieren doch so, dass wir ein Projekt erst dann angehen, wenn es von A bis Z durchdacht ist, die Pläne gezeichnet, die Arbeit geplant. Und das ist in der Holzproduktion grundsätzlich auch sinnvoll. Bei digitalen Prozessen sollte man jedoch den Mut haben, einfach mal zu beginnen, selbst wenn noch nicht so klar ist, was genau dabei herauskommt. Schliesslich kann heute keiner sagen, wo die Digitalisierung in fünf Jahren stehen wird.
PATRICK OESCHGER: Einfach mal ein paar Wochen lang ein paar Leute am Freitagmorgen ins Sitzungszimmer holen und darüber sprechen, wie und wo sich Papier und ineffiziente Prozesse verringern lassen könnten. Da kommt schnell viel Wertvolles zusammen.
DOMINIQUE STUDERUS: Da kann ruhig mal ein Input des Lernenden am Anfang stehen! Und der Blick soll nicht nur auf die Prozesse gerichtet werden, sondern auch gegen aussen. Auf die Kunden, den Markt, oder die eigene Organisation und Führung.
PATRICK OESCHGER: Absolut. Allerdings denke ich, dass dieses Thema mittel- und langfristig schon in die Unternehmensstrategie gehört und durch die Geschäftsleitung vorgelebt werden sollte. Ich selbst habe vor ein paar Jahren das Papier weggelegt und bin auf OneNote umgestiegen. Heute arbeiten bei uns praktisch alle so.
DOMINIQUE STUDERUS: Dabei ist der Fortschritt auch bei uns das Normalste der Welt: Früher hatten die Schreiner ein Wasserrad hinter der Werkstatt, das die Maschinen angetrieben hat. Und heute macht man das mit Strom. Mit der Digitalisierung wird das wie mit der Elektrifizierung sein. Es ist auf Dauer keine Frage, ob man mitmachen will oder nicht. Die Frage ist, wann und wie man einsteigt. Und es ist keine Frage der Zukunft mehr, sondern schon längst Realität in unser aller Alltag.
PATRICK OESCHGER: Für mich ist die Digitalisierung mittlerweile zur Leidenschaft geworden. Alles was ich digitalisieren kann, wird digitalisiert und das bringt uns letztlich immer weiter. Dieses Wissen wollen wir bei OPO Oeschger auch unseren Kundinnen und Kunden anbieten.
DOMINIQUE STUDERUS: Wie konkret?
PATRICK OESCHGER: Durch Beratung der Prozess- und Rückwärtsintegration beispielsweise. Optimierte Bestellprozesse oder Rechnungen, die man nie in die Hand nehmen muss und mit einem Klick bezahlen kann. Auch ich selbst führe ab und zu Gespräche von Unternehmer zu Unternehmer. Für die konkreteren Themen der Umsetzung wäre ich der Falsche – da schicke ich die Interessierten lieber zu dir in den Kurs.
DOMINIQUE STUDERUS: Und da sind sie herzlich willkommen!
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Zu den Personen

Dominique Studerus (43) ist gelernter Schreiner und hat eine Ausbildung EMBA in strategischem Management an der PHW in Zürich absolviert. Seit 2015 ist er bei der Firma Obrist Interior AG in Inwil (LU) tätig, wo er als Mitglied der Geschäftsleitung und stellvertretender Geschäftsführer für die Geschäftsentwicklung verantwortlich zeichnet. Digitalisierung ist eines seiner Spezialgebiete, die er an der Fachhochschule Biel in verschiedenen Workshops und Gremien begleitet.

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Patrick Oeschger trat 1998 in dritter Generation als Mitglied der Geschäftsleitung ins Unternehmen ein. Zum 80-jährigen Firmenjubiläum 2006 übernahm er von seinem Vater Peter Oeschger die CEO-Funktion, beziehungsweise die Gesamtführung und wurde 2016 zusammen mit seinem Bruder Daniel Inhaber der OPO Oeschger AG. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von 12 und 15 Jahren.

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